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Gurdjieff-Movements: Die Ausstrahlung bewusster Präsenz

Amiyo erzählt die Geschichte einer ihrer größten Lieben

 

Wie hast du die Liebe zu den Movements entdeckt?

Im Jahr 1989 bat mich Osho, mir die letzten zehn Minuten des Films „Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen“ (von Peter Brook und Mme Jeanne De Salzmann) anzusehen und darin die Schlüsselelemente zu den Gurdjieff-Movements zu finden. Damals hatte ich keine Ahnung, dass dies bald eine ganz wichtige Rolle in meinem inneren und äußeren Leben spielen sollte.

Das Bild, das diese Bewegungsabläufe in mir hervorriefen, ging mir unter die Haut. Fast drei Tage verbrachte ich damit, mir pausenlos diese fremdartigen Bewegungen anzusehen – die im Film noch dazu stark gekürzt wiedergegeben waren – und versuchte, die Choreographie dahinter zu entschlüsseln.

So fing alles an. Inspiriert von meinem Meister, der mich aus ganzem Herzen auf diese Entdeckungsreise schickte, begab ich mich auf die Suche nach den Geheimnissen hinter diesen Movements – und diese Reise geht bis heute weiter.

Drei Monate später, als Osho seinen Körper verließ, verstand ich, was für ein wunderbares Abschiedsgeschenk er mir mit dieser Aufgabe gegeben hatte…

Was hat dir an den Movements am besten gefallen?

Abgesehen von der Schönheit der Movements war es dieses Gefühl, dass es hier um den inneren Zustand geht, um eine beständige Präsenz, die sich in der Stille der Gesichter der Tänzer zeigt, in der entspannten Präzision ihrer Gesten. Hinter dem Tanz verbirgt sich ein absolut bewegungsloser Zustand von Bewusstheit. Und das gemeinsame Pulsieren der Gruppe ist einzigartig…

Du bist Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreographin und hast früher viele verschiedene Tanztechniken und Geisteshaltungen studiert. Was war an den Gurdjieff-Movements so besonders für dich?

Zunächst war es eine energetische Sache. Wir sind Energie in Bewegung. Wenn ich mich bewege oder stillstehe, kann ich diesen Energiefluss in meinem Inneren wahrnehmen – als wäre mein Körper ein Wirbelstrom frei fließender Energie.

Man darf nicht vergessen, dass die Movements für Gurdjieff eine Wissenschaft darstellten, keine Kunstform. Er war nie besonders begeistert, wenn sich die Leute ganz enthusiastisch über die Schönheit der Movements äußerten. Er entwarf die Movements  – insgesamt etwa 250 – schrittweise, verbesserte sie, änderte bestimmte Aspekte daran und suchte tagein tagaus systematisch nach einer bestimmten Wirkung, einem bestimmten Archetyp, der sich dann in den Movements manifestieren sollte – und zwar sowohl individuell als auch in der Gruppe.

Wenn er den Salle Pleyel in Paris betrat, wo gerade eine Gruppe seiner Schüler übte, kam es angeblich vor, dass er die Augen schloss und an ein paar Stellen der Movements Änderungen vornahm – mit geschlossenen Augen! Wer hat je von einem Choreographen gehört, der seine Tänze mit geschlossenen Augen kreiert – allein aufgrund seiner Sensibilität gegenüber den Schwingungen, die gerade im Raum spürbar sind?

Wie funktionieren die Movements?

Die Movements haben eine Doppelwirkung: Während wir unsere Achtsamkeit in aufeinanderfolgenden Haltungen, Rhythmen und Positionsveränderungen auf verschiedene Köperteile richten, durchbrechen die Movements die alte Struktur der „automatischen Bewegung“. Sie stellen neue neuronale Verbindungen her, öffnen uns für eine völlig neue Art von Bewegung, für ein neues Denken und Fühlen. Neue Brücken zwischen rechter und linker Gehirnhälfte entstehen.

Darüber hinaus können wir, wenn unser Körper entspannt, unser Geist ruhig und unser Herz in Frieden ist, zu Kanälen für eine höhere, feinere Qualität von Energie werden. Nicht dass wir diese Energien selbst erzeugen – das Universum ist voll davon – doch wir sind dann für sie durchlässig. Jede Bewegung – innen wie außen – wird zu einem Energiekanal.

Die Gurdjieff-Movements ziehen höhere Energien an, die wir in unserem Alltag für gewöhnlich nicht wahrnehmen. Doch wenn wir einmal einen Geschmack davon bekommen und verstanden haben, was dazu erforderlich ist, können sie in unserem Leben immer gegenwärtiger werden. Die Movements können uns im Leben eine Richtung weisen; sie können uns zeigen, wie wir Präsenz erfahren und uns von konditionierten Reaktionen distanzieren können.

Dieser Zustand gesammelter Achtsamkeit stellt sich ein, wenn Denken, Herz und Körper in einer Aktivität zusammenwirken oder in dieselbe Richtung gehen – stets unter dem wachsamen Blick des Beobachters. Die körperlichen Empfindungen, das Denken und Fühlen schwingen im gleichen Takt, stehen miteinander in Einklang. Sie weichen nicht voneinander ab, sie lösen sich nicht voneinander.

Aber im Alltag sieht die Sache ganz anders aus!

Ja, meistens ist unsere Aufmerksamkeit zerstreut: „Bevor ich gehe, muss ich noch fünf E-Mails beantworten…“, denke ich, während ich mir mit einer Hand die Zähne putze und mit der anderen das Waschbecken saubermache; oder die Nachrichten im Radio höre, während ich mir die Schuhe zubinde. Und dann wundern wir uns, dass wir am Ende des Tages so müde sind! In dieser Multi-Tasking-Gesellschaft ist es heute notwendiger denn je, sich diesen Satz von Gurdjieff in Erinnerung zu rufen:

„Wenn du etwas tust, tu es ganz. Eines nach dem anderen.“

Gewöhnlich nehmen uns die Ereignisse in unserem Leben völlig in Anspruch – ob Familie, Beruf oder gesellschaftliche Kontakte. Meist ist unsere Aufmerksamkeit auf ein äußeres Ziel gerichtet. Wir vergessen, dass da noch eine Bewegung ist, die nicht nach außen gerichtet ist, sondern zur Quelle zurückgeht.

Wie können wir das mithilfe der Movements ändern?

Beim Üben der Movements sehen wir, dass eine Bewegung nicht als Bewegung anfängt. Die äußere Form der Bewegung ist nur ein kleiner sichtbarer Teil eines nicht sichtbaren Geschehens. Sie ist das Endprodukt. Sie beginnt als Impuls, der von einer bestimmten Atmosphäre angeregt wird, von einer energetischen Kraft durchdrungen ist. Bewusstes Üben macht uns auf diese vier Schichten aufmerksam:

Atmosphäre / Archetyp
Impuls
Energie
Äußere Form

Wir gestikulieren nicht willkürlich mit Armen und Beinen. Wir durchleben das Phänomen Bewegung mit der größten Sorgfalt: Wir beobachten die Sinneseindrücke im Körper; wir beobachten das Gefühl, das jede Bewegung hervorbringt, währenddessen der Geist auf den Körper konzentriert bleibt.

Warum unterrichtest du die Gurdjieff-Movements so gerne? Du tust das nun immerhin schon seit über zwanzig Jahren!

Stell dir einfach vor, du betrittst einen Gruppenraum und findest folgendes Szenario vor: Ein paar Leute sitzen mit geschlossenen Augen auf dem Boden, sind entspannt, in sich gekehrt; andere liegen auf dem Boden, Körper und Geist entspannt; wieder andere üben eine Bewegungsabfolge und helfen einander, vergleichen ihre Notizen. In diesem Moment herrscht im Raum eine Atmosphäre gesammelter Aufmerksamkeit, Freundschaft, innerer Disziplin und Entspanntheit, Stille, Fürsorglichkeit, Bemühen und Mühelosigkeit. Dann bin ich zu Hause…

Warum ist es so wichtig, in einer Gruppe zu arbeiten?

Im Alleingang kann das sehr mühsam sein. Für mich fängt alles mit der Gruppe an: eine Gruppe von Menschen, die bewusster leben wollen, ernsthaft, aber nicht ernst! Humor kann auf diesem Weg Wunder wirken!

Was lehrst du als Erstes?

Wir beginnen nie mit den Movements selbst. Zuerst bereiten wir uns mit Übungen, Visualisierungen und Meditationen vor, um bewusster und entspannter zu werden.

Wir sind es so gewohnt, ständig irgendwelchen Ergebnissen hinterherzujagen und in Stress und Anspannung zu leben! Dann werden wir in unseren Forderungen und Erwartungen unnachgiebig und vergiften und sabotieren damit unsere Suche. Deshalb müssen wir erst lernen, wie man lernt!

Bevor wir mit den Movements beginnen, lernen wir zunächst den Körper ganz präzise in der so genannten „Nullposition“ zu positionieren. Mit der Nullposition wird ein Energiefeld im Körper erzeugt, in dem sich der Körper wohlfühlt, stabil und geerdet ist und die Einheit Körper/Geist jegliche Unruhe ablegt. Wir lernen wahrzunehmen, wie der Körper auf dem Boden steht, spüren sein Gewicht, seine Schwere und darüber hinaus auch eine Kraft, eine Energie in uns. Durch dieses Spüren sind wir mit dem Körper verbunden.

Wenn wir dann anfangen uns zu bewegen, achten wir darauf, wie wir uns bewegen, nicht darauf, was wir tun.

In unserer zielorientierten Gesellschaft geht es immer nur um das Ergebnis. Doch hier lernen wir, dass ein Tanz nicht eine Abfolge von Körperhaltungen ist. Normalerweise würden wir uns, sobald wir eine Körperhaltung eingenommen haben, gedanklich sofort auf die nächste Haltung einstellen. Unsere Aufmerksamkeit springt von Position zu Position – von einem Punkt zum nächsten, ohne dass wir dabei in der Lage sind, der Bewegung selbst zu folgen, weil wir stets auf das Ergebnis ausgerichtet sind.

Es geht darum, dass wir das „Wie“ lernen, dass wir uns dessen bewusst werden, wie wir uns bewegen: Wie gehen wir von einer Position in die nächste über? Welche Qualität hat diese Bewegung? Ist sie aufgeregt, ängstlich, unruhig, ruhig, mit Sorgfalt ausgeführt?

So wird eine anfangs ungeschickte Bewegung mit der Zeit fließend, frei und reibungslos. Dann kommt Freude auf, ein Gefühl von Erfüllung und Harmonie. Und das öffnet uns die Türen für eine tiefere Suche.

Es heißt, dass Gurdjieffs Weg auf Willenskraft aufbaut. Ist das bedenklich?

Ja, darin liegt eine Gefahr. Gurdjieffs Weg basiert tatsächlich auf Willenskraft. Wenn man also nicht sehr wach ist, kann das Praktizieren der Movements Eigenschaften verstärken, die bereits tendenziell vorhanden sind: etwa bei jemandem, der von vornherein zu Rigidität neigt, oder bei jemandem, der machthungrig ist.

Wenn wir unserem Denken also eine ganz bestimmte Richtung geben, entsteht dadurch Reibung: Wir kämpfen gegen unseren Verstand an, Machtgefühle kommen hoch. Und Macht ist gefährlich, sie stärkt nur das Ego. Gurdjieffs Weg wurde oft in einem sehr männlichen, von Willenskraft geprägten Licht dargestellt  – als Weg der Anstrengung, der doppelten, dreifachen Anstrengung.

So wie ich es sehe, ist Anstrengung natürlich nötig – viel wichtiger ist es jedoch, das genaue Gleichgewicht zwischen dem richtigen Maß an Anstrengung, Anspannung und Entspannung zu finden. Es ist mir ein Anliegen, einen weiblicheren Zugang zu bieten – inspiriert von Oshos Sichtweise und der (oft vergessenen) Arbeit Mme De Salzmanns. Vor seinem Tod übertrug Gurdjieff die Verantwortung, seine Lehre – insbesondere die Lehre der Movements – fortzuführen, an Mme De Salzmann. Sie meisterte diese Aufgabe mit außerordentlicher Klugheit und Hingabe.

Außerdem verlieh sie dem aktiven Aspekt der Arbeit einen weiblicheren Charakter: neben Anstrengung betont sie die Fähigkeit, loslassen zu können, empfänglich zu sein, die Dinge so anzunehmen wie sie sind.

Oshos Einsicht dazu:

„Meditation ist nicht Konzentration. Bei der Konzentration gibt es ein Selbst, das sich konzentriert, und ein Objekt, auf das es sich konzentriert. Es gibt eine Dualität. Bei der Meditation ist niemand drinnen und nichts draußen. Es ist keine Konzentration. Bei der Konzentration ist ein Zentrum in dir. Bei der Konzentration ist ein Selbst in dir. Wenn sich jemand sehr stark konzentriert, kultiviert er damit ein sehr starkes Selbst. Er wird immer mächtiger…

[…] Die Kraft, die aus Frieden, aus Reibungslosigkeit, Kampflosigkeit und Geradlinigkeit hervorkommt, ist die Kraft einer Rose, die Kraft eines kleinen Lichts, die Kraft eines lächelnden Kindes, die Kraft einer weinenden Frau, die Kraft, die sich in Tränen und Tautropfen verbirgt. Diese Kraft ist immens, aber nicht drückend. Sie ist unendlich, aber nicht gewaltsam.

Konzentration macht dich zu einem willensstarken Menschen. Meditation macht dich zu einer Leere.“

Osho, The Heart Sutra, Kapitel 7

So wie es aussieht, liegt die Herausforderung für dich darin, Osho und Gurdjieff unter einem Dach zu vereinen. 

Ich frage mich oft, was das Schicksal mir da aufgetragen hat: in meinem Unterricht und in meinem Leben einen Kreuzungspunkt zwischen Osho und Gurdjieff zu finden.

Chetan und ich reisen das ganze Jahr über rund um die Welt – Europa, die Vereinigten Staaten, Indien. Wir leiten Wochenendseminare, Intensivkurse und Lehrerausbildungen der Movements. Wir finden es großartig! Vor allem wenn wir die Movements in Dharamsala lehren und üben – wie jetzt gerade. Dharamsala ist die Hauptstadt der Exilregierung Tibets – hier wird die spirituelle Kultur Tibets gefördert. Es ist also sehr leicht für uns, hier einen direkten Zugang zu einer der Hauptquellen zu finden, an denen Gurdjieff die Movements gelernt hat: Tibet.

Hier können wir die unglaubliche Sanftheit, den Mut und die Anmut des tibetischen Volkes auf uns wirken lassen. Die Ruhe der Natur, die majestätischen Gipfel des Himalaya rufen uns nach innen – und hinauf. Genauso wie die Movements…

Amiyo Devienne machte ihre Ausbildung als Tanzpädagogin, Choreographin und Tanztherapeutin in Frankreich. 1978 wurde sie Sannyasin. In den darauffolgenden Jahren unterrichtete sie Tanz in den Kommunen und auf der Ranch (Osho-Kommune in Oregon). 1989 begann sie, die Gurdjieff-Movements zu unterrichten. Seit über 15 Jahren reist sie rund um die Welt und leitet Kurse, Lehrerausbildungen und öffentliche Aufführungen der Movements.

Chetan Greenberg befasst sich seit 1997 mit der Praxis und der Lehre der Movements. Gemeinsam mit Amiyo leitet er Seminare, Ausbildungen und öffentliche Aufführungen der Movements. Er ist seit 1997 Sannyasin. Chetan ist ausgebildeter Musiker, studierte Violine und übte nach dem Studium seinen Beruf als Opersänger aus. In den Seminaren bringt er seine besondere Gabe und sein tiefes Verständnis von Musik und Rhythmik und der Lehre von den Schwingungen mit ein.